Ich konnte damals, 1943, als das Leben immer  schwieriger und härter wurde, wahrhaftig nicht über Unterbeschäftigung klagen. An manchen Tagen war ich fast pausenlos tätig. Vormittags Probe bis 13 Uhr, Nachmittags Mitwirkung bei einem Konzert oder bei einer Rundfunkaufnahme, abends „Boheme“, „Zauberflöte“ oder „Verkaufte Braut“. Man war ausgelastet und schonte sich nicht. Immer häufiger kam es auch – meist an den Wochenenden – zu Mitwirkungen bei den KdF – („Kraft durch Freude“) Konzerten, Berufungen, denen man sich kaum entziehen konnte. Obwohl das Reisen immer schwieriger wurde, waren wir viel unterwegs, meist mit gemischten Programmen. Je kleiner der Ort, desto bunter die Mischung. Mitunter mussten wir in primitiven, eiskalten Sälen auftreten – im Wintermantel.

1940 mit Fritz Krenn
1940 mit Fritz Krenn
Staatsoper Wien 1940, Die verkaufte Braut von Friedrich Smetana, als Hans mit Maria Reining als Marie
Staatsoper Wien 1940, Die verkaufte Braut von Friedrich Smetana, als Hans mit Maria Reining als Marie

Es gab gewisse Gegenden, die uns besonders lockten, so etwa nahe Pressburg, wo im Vergleich zu Wien noch Milch und Honig floss. Auch Bukarest zählte zu den gesegneten Orten. Die Staatsoper bot dort komplette Gastspiele mit „Don Juan“ und „Cosi fan tutte“, zu denen wir mit Sonderzügen gebracht wurden. An freien Tagen zwischen den Vorstellungen stürmte das Ensemble die Geschäfte, in denen es noch bei uns längst unerreichbare Köstlichkeiten zu kaufen gab: Würste, Geflügel, Kaffee, Cognac u.s.w.

In der Staatsoper hatten wir uns darauf eingerichtet, mit dem Krieg zu leben. Längst gab es „Geschlossene Vorstellungen für die Wehrmacht“, längst gab es auf den Programmzetteln Anweisungen für das Publikum über das Verhalten bei „Fliegeralarm“ und „Beim Erscheinen unserer verwundeten Frontsoldaten in der Mittelloge“. Im strengen Winter 1942/43 gab es gelegentlich Ausfälle wegen Kohlenmangels, und als am 2. Februar 1942 Stalingrad fiel, wurde die „Salome“ Vorstellung, bei der ich unter Knappertsbusch den Narraboth hätte singen sollen, abgesagt. Gab es bei den Vormittagsproben Luftalarm, und das kam immer häufiger vor – die feindlichen Bomber flogen meist gegen elf Uhr in den Wiener Raum ein – war dafür gesorgt, dass man von der Bühne auf kürzestem Weg in die Luftschutzräume des Hauses gelangte, die tief unter der Erde lagen. Nach der Entwarnung kehrten alle geschlossen zur Probe zurück, und die Arbeit ging weiter.

1945 mit Otto Edelmann
1945 mit Otto Edelmann