Im Leben jedes Opernsängers kommt der Zeitpunkt, da er seinem Fach entwachsen ist und das Generationsproblem an ihn herantritt. Handelt es sich gar um den tenoralen Liebhaber, so wird dieses Problem besonders gravierend. Schwärmt der Rudolf seine Mimi an, die seine Enkelin sein könnte, dann ist es einfach nicht mehr glaubhaft…
Die Folgen sind klar: es stellt sich allmählich das ungute Gefühl beim Sänger ein, nicht mehr richtig am Platz zu sein und Unsicherheit macht sich breit. Glaubwürdigkeit ist oberstes Gesetz der Bühne. Schminke vermag viel, aber sie kann aus einem Sechzigjährigen keinen Dreißiger machen.

„Mein Vater im 71. Lebensjahr in der Garderobe nach seiner Abschiedsvorstellung als Tamino in Die Zauberflöte – nach 45 Jahren der Zugehörigkeit zur Wiener Staatsoper.“ (JD), Fotos: W. Obransky, Günther Zerbes
„Mein Vater im 71. Lebensjahr in der Garderobe nach seiner Abschiedsvorstellung als Tamino in Die Zauberflöte – nach 45 Jahren der Zugehörigkeit zur Wiener Staatsoper.“ (JD), Fotos: W. Obransky, Günther Zerbes
Salzburger Festspiele 1953, Leitung: Wilhelm Furtwängler, Bühne: Oskar Kokoschka
Salzburger Festspiele 1953, Leitung: Wilhelm Furtwängler, Bühne: Oskar Kokoschka

Diese Erkenntnis schmerzt, wenn man selbst davon betroffen ist. Auch mir ist sie nicht leicht gefallen. Ich wollte mich darüber mit meinem Direktor, es war die Ära Karajans, aussprechen und bat um einen Termin. Karajan empfing mich in der Pause einer „Tristan“  Vorstellung, bei der ich wieder einmal den Seemann sang, in seinem Direktionszimmer, ein Glas Milch vor sich und die Füße auf dem Tisch, worüber ich mich durchaus nicht wunderte, denn das war seine Yoga-Methode sich zu entspannen. Nachdem ich mein Anliegen vorgebracht hatte, sagte er: „Sie müssen verstehen, ich muß die jungen Leute heranziehen.“ Und dann fiel das unvermeidliche Wort vom „Generationswechsel“.

Diesem Gespräch folgte der allmähliche Abbau meiner jugendlichen Partien. Das ging wie selbstverständlich vor sich als das alte Mozart-Ensemble zerfiel, die bereits historisch gewordene Schuh – Neher Inszenierung sich auflöste, Günther Rennert die Oper in Wien neu inszenierte und dafür nicht nur einen neuen Stil, sondern auch eine neue Besetzung brauchte.

Einige Mozart-Liebhaber blieben mir jedoch bis in die Gegenwart erhalten: den Belmonte sang ich noch 1972, den Tamino noch 1977 in der Volksoper und – zum letzten Mal – in meiner „Abschiedsvorstellung“ an der Wiener Staatsoper am 24. Jänner 1981.

Am Zauberflötenbrunnen in Wien
Am Zauberflötenbrunnen in Wien